{"id":232,"date":"2018-08-07T09:03:25","date_gmt":"2018-08-07T09:03:25","guid":{"rendered":"http:\/\/tastenblicke.de\/?p=232"},"modified":"2018-08-07T09:03:25","modified_gmt":"2018-08-07T09:03:25","slug":"walken-mit-wagner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tastenblicke.de\/?p=232","title":{"rendered":"Walken mit Wagner"},"content":{"rendered":"<p>Mit Wagner hab\u2019 ich nicht besonders viel am Hut, und was mir dazu einf\u00e4llt, geh\u00f6rt weniger zu den angenehmen \u201chighlights\u201c meiner pers\u00f6nlichen Erinnerungen.<br \/>\nKonrad Wagner, das war ein Mitsch\u00fcler mit abgekauten Fingern\u00e4geln und\u00a0 Ohren voller gelbem Schmalz.<br \/>\nDr.Wagner, so hie\u00df mal ein Frauenarzt in unserem Ort, der besser Veterin\u00e4r geworden w\u00e4re, denn er behandelte die Frauen wie K\u00fche.<br \/>\nWagner war aber auch der Name eines Cafes in meiner Heimatstadt. Dort gab es Kakao mit Haut, die so dick war wie die Servietten auf dem Tisch.<br \/>\nAuf \u201eWagner\u201c h\u00f6rte der gest\u00f6rte Dackel einer Kollegin, der am liebsten nur Cognacpralinen ohne Kruste fra\u00df und in wilder Homo-Ehe mit einem Mischlingshund namens \u201eSchubert\u201c lebte.<br \/>\nJa, und dann w\u00e4re da noch Richard Wagner, der Lieblingskomponist\u00a0 Hitlers, auch nicht gerade die beste Empfehlung. Die Nachfahren hoffnungslos zerstritten, j\u00e4hrliche Festspiele und regelm\u00e4\u00dfige\u00a0 Skandale um irgendwelche Inszenierungen. Seine Musik? Sagt mir herzlich wenig, eigentlich gar nichts.<br \/>\nAlles in allem kann ich also mit diesem Namen nicht allzuviel anfangen, und noch nie hat er ein sonderliches Interesse in mir geweckt.<br \/>\nDas \u00e4nderte sich vor ein paar Wochen.<br \/>\nIch stehe in der CD-Abteilung einer gro\u00dfen Buchhandlung und bin eigentlich auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk f\u00fcr unseren Freund. Wie immer ein schwieriges Unterfangen, wenn einer sich nichts w\u00fcnscht, alles hat, nichts braucht und man doch verzweifelt versucht, noch etwas Besonderes zu finden.<br \/>\nH\u00f6rbuch, dachte ich, w\u00e4re eine Idee. Klein aber fein, vielleicht nicht wahnsinnig originell, aber gut zu verpacken und ggf. bei nicht Gefallen problemlos weiter zu verschenken.<br \/>\nIch bl\u00e4ttere also in dem riesigen Angebot zwischen Krimi, Lyrik und den neuesten Biographien und wei\u00df eigentlich schon, da\u00df ich mit der Auswahl hoffnungslos \u00fcberfordert bin, als mir pl\u00f6tzlich \u2013 falsch einsortiert \u2013 eine CD, \u201eWalken mit Wagner\u201c, in die H\u00e4nde f\u00e4llt.<br \/>\nDas klingt so verkehrt, da\u00df ich unwillk\u00fcrlich inne halte. Augenblicklich sind H\u00f6rbuch und Freund vergessen. \u201eWalken mit Wagner\u201c fesselt mich.<br \/>\nMan mu\u00df n\u00e4mlich wissen, da\u00df ich seit geraumer Zeit, meinem fortschreitenden Alter und dem damit einhergehenden Welkungsproze\u00df geschuldet, meine sportlichen Aktivit\u00e4ten deutlich verst\u00e4rkt habe. Dazu geh\u00f6rt es auch ein- bis zweimal in der Woche zu walken. Mein Mann, ein passionierter Jogger a.D., bel\u00e4chelt diese sogenannte Sportart milde. Sie ist f\u00fcr ihn nicht mehr als ein z\u00fcgiges Spazierengehen, wozu es nat\u00fcrlich auch keinerlei Ausr\u00fcstung bedarf.<br \/>\nSollte er sich an guten Ehetagen dennoch herablassen mich zu begleiten, so unterstreicht er seine Einstellung deutlich, indem er jegliches sportliche Outfit konsequent verweigert. Meine Walkingst\u00f6cke sind ihm dabei ebenso peinlich, wie umgekehrt mir seine Budapester Schuhe, die Cordhose mit dem hellblaugestreiften Hemd und die blaue Steppjacke, in der er betont spazierg\u00e4ngerm\u00e4\u00dfig neben mir herl\u00e4uft.<br \/>\nDie gemeinsame Runde ist also deutlicher Ausdruck ehelicher Kompromissbereitschaft und so gesehen von unsch\u00e4tzbarem Wert.<br \/>\nZur\u00fcck zu Wagner. Der Freund bleibt vorerst ohne Geschenk, daf\u00fcr verlasse ich das Gesch\u00e4ft mit einem neuen \u201eTrainingspartner\u201cin der Tasche.<br \/>\nEin paar technischer Rafinessen bedarf es allerdings noch, bis Richard ( unter Sportlern ist man ja schnell beim vertrauten Du) auf mein Handy gespielt ist.<br \/>\nMein Sohn leistet dank modernster Technik die wertvollen Vorarbeiten aus der Ferne, und mein Mann, ganz Kumpel in dieser Angelegenheit, sorgt schlie\u00dflich daf\u00fcr, da\u00df die Kompositionen einen w\u00fcrdigen Platz auf meinem Handy bekommen. Schon nach ein paar Tagen kann ich die neue \u201eWalking Partnerschaft\u201c testen.\u00a0 Aber wie das halt so geht, beim ersten Mal. Das ist im Sport auch nicht anders als sonst im Leben. Alles noch etwas verkrampft, ein bi\u00dfchen ungelenk und ziemlich aufregend, vor allem, wenn mein lieber Mann die Vorbereitungen mit einem gn\u00e4dig herablassenden L\u00e4cheln begleitet.<br \/>\nDie neuen Kopfh\u00f6rer sind ausgesprochen ungewohnt in meinen Ohren, erst h\u00f6re ich gar nichts, dann zerfetzt Parsival mir schier das Trommelfell. Da\u00df man die Lautst\u00e4rke direkt an der kleinen Verdickung ganz oben in der Leitung regeln kann, erschlie\u00dft sich mir erst sehr viel sp\u00e4ter und eher zuf\u00e4llig. Bis dahin krame ich unz\u00e4hlige Male das Handy umst\u00e4ndlich aus der Innentasche, wobei sich das Kabel regelm\u00e4\u00dfig im Rei\u00dfverschu\u00df der Jacke verklemmt, ich dann beinahe \u00fcber meine St\u00f6cke stolpere und mir zu allem \u00dcberflu\u00df nun auch noch die Nase l\u00e4uft. Die rettenden Taschent\u00fccher mussten allerdings ihren Platz f\u00fcrs Handy r\u00e4umen, und so lass ich eben den Sekreten ihren Lauf. Mit den \u201eMeistersingern von N\u00fcrnberg\u201c im Ohr passiere ich mutig einen kalbsgro\u00dfen Hund, der mich nur bl\u00f6d anschaut und bei \u201eTannh\u00e4users Einzug der G\u00e4ste\u201c streift mich beinahe ein Autobus, den ich nat\u00fcrlich nicht habe kommen h\u00f6ren. Wie auch?<br \/>\nAls ich verschreckt zur Seite springe, fallen mir gleich beide St\u00f6psel aus den Ohren und beschallen kurzzeitig den Boden. Bis ich dann alles wieder geordnet habe, ist Richard schon beim \u201eFliegenden Holl\u00e4nder\u201c angelangt, und ich \u00fcberhole schwungvoll eine Mutti mit Kinderwagen, eine Oma mit Dackel, einen durchtrainierten Jogger, der sich gerade am Br\u00fcckengel\u00e4nder die Muskeln dehnt, verschiedene Rentner mit ihren Rollatoren und eine ganze Reihe rausgestellter M\u00fclltonnen in unserer Stra\u00dfe. Mit der Wucht der \u201eWalk\u00fcre\u201c schlie\u00dflich erreiche ich unseren Vorgarten.\u00a0 Der Vorhang f\u00e4llt zwar nicht, aber er bewegt sich, denn mein lieber Mann erwartet mich schon.<br \/>\nWie war nun \u201eWalken mit Wagner?\u201c Ein bi\u00dfchen speziell w\u00fcrde ich sagen, aber nicht \u00fcbel. Ich k\u00f6nnte mir dieses akustische Laufvergn\u00fcgen allerdings auch durchaus mit anderen musikalischen Talenten vorstellen &#8211;\u00a0 Mozart, Strauss, den Beatles oder vielleicht mit Adriano Celentano. Denn auch diesen Talenten sollte man mindestens mal eine Chance geben.<br \/>\nUnd f\u00fcr den Fall, da\u00df mir das alles eines Tages vielleicht denn doch mit etwas zuviel Ger\u00e4usch verbunden ist und ich Sehnsucht habe nach Vogelgezwitscher, Hundegebell, dem Gr\u00e4usch der vorbeifahrenden Autos, dem Knirschen von Kies unter meinen Schuhen oder einfach einem netten Gespr\u00e4ch w\u00e4hrend der Runde, f\u00fcr diesen ganz speziellen Fall wechsle ich dann eben zur\u00fcck in den \u201eSpazierg\u00e4ngermodus\u201c und erfreue mich am \u201eWalken mit dem Ehemann\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Wagner hab\u2019 ich nicht besonders viel am Hut, und was mir dazu einf\u00e4llt, geh\u00f6rt weniger zu den angenehmen \u201chighlights\u201c meiner pers\u00f6nlichen Erinnerungen. Konrad Wagner, das war ein Mitsch\u00fcler mit abgekauten Fingern\u00e4geln und\u00a0 Ohren voller gelbem Schmalz. 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