{"id":173,"date":"2016-01-24T15:35:41","date_gmt":"2016-01-24T15:35:41","guid":{"rendered":"http:\/\/tastenblicke.de\/?p=173"},"modified":"2016-01-24T15:35:41","modified_gmt":"2016-01-24T15:35:41","slug":"fundstuecke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tastenblicke.de\/?p=173","title":{"rendered":"Fundst\u00fccke"},"content":{"rendered":"<p>Der Sekret\u00e4r in meinem Arbeitszimmer ist mindestens dreimal so alt wie ich und ein gr\u00fcndliches \u201efacelifting\u201c steht ihm schon von daher auf jeden Fall eher zu als mir.<br \/>\nDiesen tischlerkosmetischen Eingriff (f\u00fcr eben diesen Sekret\u00e4r) bekam ich nun zu meinem letzten Geburtstag geschenkt, was zun\u00e4chst einmal bedeutete, da\u00df ich f\u00fcr einige Wochen meiner gedanklichen, geistigen und irgendwie mentalen Zufluchtsst\u00e4tte beraubt wurde. Das gute St\u00fcck ging n\u00e4mlich sozusagen auf die Sch\u00f6nheitsfarm, und ich blieb ziemlich<br \/>\nheimatlos zur\u00fcck. Dazu muss man wissen, dass ich einen gro\u00dfen Teil meiner Zeit mit und an diesem M\u00f6belst\u00fcck verbringe. Hier steht mein PC, hier lese ich meine mails, skype mit meinen Kindern, surfe im Internet, schreibe Tagebuch und Briefe, formuliere irgendwelche Texte, \u00fcberlege mir meine \u201eto do Listen\u201c, sammle Postkarten f\u00fcr jedwede Anl\u00e4sse, sortiere Photos, und manchmal sitze ich einfach nur da und denke so vor mich hin&#8230;<br \/>\nVor der Tennung auf Zeit galt es nun also das ganze gute St\u00fcck auszur\u00e4umen und den Inhalt aller 13 Schubladen sorgsam in verschiedene Kisten zu verpacken, damit dann sp\u00e4ter auch alles wieder seinen Platz finden w\u00fcrde. Klar, da\u00df man bei so einer Aktion das eine oder andere aussortiert und \u00dcberfl\u00fcssiges wegwirft, aber man macht eben unter Umst\u00e4nden auch sehr interessante Entdeckungen. Und so habe ich in den Tiefen dieses alten Schrankes einige l\u00e4ngst vergessene Fundst\u00fccke entdeckt, die mir nochmal ihre ganz eigene Geschichte erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Das Photo meiner Gro\u00dfmutter<\/span><br \/>\nDas Photo meiner Gro\u00dfmutter rutschte aus einem Stapel alter Postkarten, wei\u00df der Himmel, wie es dort dazwischen geraten ist. Es ist eine alte Schwarzwei\u00dffotografie, noch mit dem sch\u00f6n wei\u00dfgezackten Rand und zeigt meine Oma zusammen mit ihrer Schwester.<br \/>\nAls das Bild aufgenommen wurde, da war meine Gro\u00dfmutter etwa genau so alt wie ich heute, und &#8211; jetzt kommt das Beste: auf dem Bild sieht man zwei uralte Tanten, die ein bi\u00dfchen aussehen wie retrogetrimmte Vogelscheuchen auf dem Weg zu einer Shoppingtour. Stocksteif stehen sie da mit ihren schwarzen Kost\u00fcmen und den riesigen wei\u00dfen Kragen, die so dick und aufgeplustert aussehen wie ein aufgeschlitztes Kopfkissen. Und nat\u00fcrlich zeigt keine von beiden auch nur den Anflug eines L\u00e4chelns. Todernst schauen sie unter ihren verbeulten H\u00fcten hervor, nur die Handtasche baumelt halbwegs locker \u00fcber dem linken Unterarm und in der rechten Hand&#8230;., ja was seh ich denn da? Man mag es nicht glauben, in der rechten Hand h\u00e4lt jede der beiden Ladys einen leeren Bierkrug.<br \/>\nSollte ich mich t\u00e4uschen und hatten sich die beiden da eben mal ein Bierchen genehmigt ??<br \/>\nJa, wo blieb denn da die Contenance?<br \/>\nWie dem auch sei, alt sahen die zwei Ladys in jedem Falle aus, nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben sogar steinalt, und daran konnte auch die Freude \u00fcber ein heimliches Bierchen nichts \u00e4ndern.<br \/>\nAber was mich angeht, so werde ich dieses Foto noch ein Weilchen aufheben und immer, wenn ich mal wieder einen dieser schlechten Tage habe, an denen man sich so elend, m\u00fcrbe und verbraucht f\u00fchlt, dann werde ich es anschauen und mir sagen: \u201eDeine Oma war damals genau so alt wie du heute, nur mit dem Unterschied, sie sah noch so unheimlich viel \u00e4lter aus, als du dich gerade f\u00fchlst!\u201c<br \/>\nWenn das dann kein Trost ist?!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">G\u00e4stebuch<\/span><br \/>\nIn einer anderen Schublade schlummert ein G\u00e4stebuch. So etwas hat heute auch kein Mensch mehr. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, dass fr\u00fcher bei uns eigentlich kein Besuch abreisen durfte ohne vorher seinen Eintrag in besagtes Buch get\u00e4tigt zu haben. Die Qualit\u00e4t dieser Erg\u00fcsse war dann oft von gro\u00dfer Bandbreite und manchmal h\u00e4tte man dem vermeintlichen Poeten auf der Durchreise vielleicht ein bi\u00dfchen mehr Mu\u00dfe gew\u00fcnscht oder noch besser, den Mut das Dichten lieber ganz sein zu lassen.<br \/>\nAber man muss auch sagen, manche Beitr\u00e4ge damals waren durchaus phantasievoll, lustig und zum Teil noch mit aufwendigen Skizzen oder Bildern versehen. Der eine oder andere Gast hat sich da richtig ins Zeug gelegt und mit seinem Eintrag ins goldene Buch des Hauses f\u00fcr bleibende Erinnerung gesorgt. All diese Widmungen hatten nat\u00fcrlich stets das gro\u00dfe Lob auf die Gastfreundschaft des Hauses und die unvergleichlich gute K\u00fcche der Hausfrau gemein. Das liest man dann auch noch nach Jahren gern, selbst wenn es noch so liebevoll geheuchelt war.<br \/>\nNach irgendeinem Umzug haben wir &#8211; warum auch immer &#8211; das G\u00e4stebuch nicht mehr so konsequent fortgef\u00fchrt, was man unschwer daran erkennen kann, dass es seit mindestens 20 Jahren keine Eintr\u00e4ge mehr gibt.<br \/>\nBesucher hatten wir in dieser Zeit allerdings mehr als genug, nur verewigt haben sie sich dann wohl auf andere Art und Weise. Mit einem vergessenen Regenschirm, einem Fleck auf demTeppichboden, einem markanten Kratzer im Glastisch, der verstopften Toilette, mit einem Rosenb\u00e4umchen, das unerm\u00fcdlich bl\u00fcht, vielen geleerten Weinflaschen, dem selbstgemalten Bild, wof\u00fcr wir immer noch keinen Platz gefunden haben, weil sich uns die k\u00fcnstlerische Tiefe einfach nicht erschlie\u00dfen will, einem Paar zur\u00fcckgelassener vollaromatischer Socken oder eben meistens durch ganz viele sch\u00f6ne Erinnerungen.<br \/>\nVielleicht doch ein bisschen schade das mit dem G\u00e4stebuch, auch wenn es im Augenblick wohl nicht mehr so wirklich im Zeitgeist liegt. Eventuell k\u00f6nnte man ja mal \u00fcber eine App in dieser Richtung nachdenken, die gibt es ja schlie\u00dflich inzwischen f\u00fcr alles m\u00f6gliche.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Ein Stapel Papier mit hellblauem Band<\/span><br \/>\nJeder normale Mensch w\u00fcrde bei dieser Beschreibung sofort an alte Liebesbriefe denken. Weit gefehlt! Bei diesem Fund handelt es sich um ein ganz dunkles Kapitel meiner Vergangenheit. Es sind die gesammelten Mathearbeiten aus der Oberstufe, ein Blick hinein gen\u00fcgt, und ich wei\u00df, dass sich an diesem Albtraum seit 40 Jahren nichts ge\u00e4ndert hat.<br \/>\nWas mir da entgegenschaut, vermag mich auch heute noch in Angst und Schrecken zu versetzen.<br \/>\nWie konnte ich jemals auch nur Teile dieser Hieroglyphen und ihrer Zsammenh\u00e4nge verstehen???<br \/>\nMan muss wissen, Zahlen und ich sind bis heute nicht die beste Kombination, und es gibt eindeutig Dinge, mit denen ich besser umgehen kann als mit Zahlen, z. B. mit Schuhen, mit bunten Blumen, mit freundlichen Menschen, mit sch\u00f6nen Dingen, vielleicht auch mit netten Worten, aber Zahlen, das ist nun wirklich nicht so mein Ding. Da fehlt mir einfach eine Windung im Gehirn. Leider hat man das erst relativ sp\u00e4t erkannt, und so war ich dann schon in einer mathematischen Oberstufenklasse gelandet &#8211; dumm gelaufen f\u00fcr mich und erst recht f\u00fcr meinen Lehrer. Dieser liebe geduldige Mensch musste sich dann drei Jahre lang mit mir herumschlagen und hat es schlie\u00dflich doch fertig gebracht, mir mit unendlicher Geduld die Faszination seines Faches wenigstens so nahe zu bringen, dass es zu einer bestandenen Pr\u00fcfung reichte. Daf\u00fcr geb\u00fchrte ihm eigentlich fast der Nobelpreis, und wenn es der schon nicht sein konnte, dann doch vielleicht postum eine Art Liebesbrief an einen alten, unvergessenen und sehr besonderen Lehrer, der allerdings noch zu formulieren w\u00e4re,<br \/>\n&#8230;.und so f\u00e4nde denn auch das hellblaue Band letztendlich irgendwie doch noch zu seiner Bedeutung.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Poesiealbum<\/span><br \/>\nIn der letzten Schublade liegt noch mein altes Poesiealbum aus der Grundschule. Auch wenn ich mich an die Gesichter zu den einzelnen Namen kaum noch oder eigentlich gar nicht mehr erinnern kann, finde ich es doch bemerkenswert, mit wieviel M\u00fche und Sorgfalt die einzelnen ihre Eintr\u00e4ge und Seiten gestaltet haben. Mit getrockneten und gepressten Blumen, die jetzt nat\u00fcrlich alle zu Staub zerfallen sind und munter herausbr\u00f6seln, bunten Lackbildchen bis hin zu gemalten oder geklebten kleinen Kunstwerken aus Seidepapier oder d\u00fcnner Pappe. Dazu lange und in Sch\u00f6nschrift verfasste Verse. Ich gebe zu, ich war da nie so der Star, und meine beste Freundin aus Kindertagen hat schon damals nicht ganz zu Unrecht festgestellt, dass ich es mir mit meinem Dauereintrag \u201eedel sei der Mensch, hilfreich und gut\u201c ziemlich einfach gemacht habe.<br \/>\nDas kann man von Reinhold H. nicht sagen. Er ist der einzige, an den ich mich noch genau erinnern kann, denn Reindold war einfach einzigartig!<br \/>\nReinhold war der Sohn unseres Metzgers im Ort. Er hatte pumuckelrote Haare, ein Gesicht voller Sommersprossen, schrecklich abgebissene Fingern\u00e4gel, eine dunkelbraune Cordhose mit schwarzen Lederflecken an den Knien, f\u00fcrchterlich abgetretene Schuhe, und er hatte einen roten Anorak mit ganz vielen Taschen. In jeder Tasche dieses Anoraks hielt er immer eine gro\u00dfe Auswahl verschiedenster W\u00fcrstchen bereit, und wenn man mit ihm unterwegs war, hatte man stets etwas zu essen. Das sprach eindeutig f\u00fcr ihn und lie\u00df mich \u00fcber so manche \u00c4u\u00dferlichkeit gro\u00dfz\u00fcgig hinwegsehen.<br \/>\nReinhold mochte mich sehr, wogegen mich wohl mehr, wenn ich ganz ehrlich bin, die W\u00fcrstchen in seinem Anorak faszinierten, aber das tut ja hier nichts zur Sache.<br \/>\nJedenfalls schrieb mir dieser Knabe, sicherlich nach gr\u00fcndlicher \u00dcberlegung und im reifen Alter von 9 Jahren folgende Zeilen in mein Poesiealbum: \u201eIch will dich lieben sch\u00f6nstes Licht bis mir das Herze bricht!\u201c Das Ganze hat er dann noch liebevoll mit verschiedenen W\u00fcrstchenmotiven in den unterschiedlichsten Farben und Formen illustriert.<br \/>\nAlso mal ehrlich, ist das nicht sch\u00f6n? Da kommen mir noch heute fast die Tr\u00e4nen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>All diese Fundst\u00fccke werden auch nach der Restaurierung wieder ihren Platz in meinem Sekret\u00e4r finden, denn auch f\u00fcr dieses besondere M\u00f6belst\u00fcck gilt:<br \/>\nNicht nur der \u00e4u\u00dfere Schein ist wichtig, auch was drin ist, z\u00e4hlt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sekret\u00e4r in meinem Arbeitszimmer ist mindestens dreimal so alt wie ich und ein gr\u00fcndliches \u201efacelifting\u201c steht ihm schon von daher auf jeden Fall eher zu als mir. 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