{"id":153,"date":"2015-06-14T10:36:57","date_gmt":"2015-06-14T10:36:57","guid":{"rendered":"http:\/\/tastenblicke.de\/?p=153"},"modified":"2015-06-14T10:36:57","modified_gmt":"2015-06-14T10:36:57","slug":"mein-gruener-therapeut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tastenblicke.de\/?p=153","title":{"rendered":"Mein gr\u00fcner Therapeut"},"content":{"rendered":"<p>Wer heutzutage keinen Therapeuten hat, ist eigentlich nicht ganz normal. Es hat sich ja so eingeb\u00fcrgert, dass man inzwischen s\u00e4mtliche Befindlichkeitsst\u00f6rungen von Fachleuten analysieren und entsprechend behandeln l\u00e4sst und dass jeder Au\u00dfenstehende ungefragt am Fortschritt oder Fehlschlag dieser Therapie teilhaben darf. Ich rede hier nicht von wirklich ernsthaften psychischen Problemen. Das ist etwas ganz anders und geh\u00f6rt \u00fcberhaupt nicht hierher. Ich rede von den ganz normalen Stimmungsschwankungen, denen wir alle im Leben mal mehr, mal weniger ausgesetzt sind. Frauen im fortgeschrittenen Alter, also jenseits des Fruchtbarkeits\u00e4quators haben damit ja ein bi\u00dfchen mehr zu tun und \u201eleiden\u201c oft auf sehr unterschiedliche Weise. Die Bandbreite der daf\u00fcr angebotenen Hilfmittel ist gro\u00df und reicht von Selbsterfahrungskursen \u00fcber Workshops aller Art bis hin zu Einzeltherapien. In meinem Bekanntenkreis gibt es da einige F\u00e4lle, die auf diese Weise so mancher Praxis zu viel Geld und vollen Wartezimmern verholfen haben, sich selbst aber augenscheinlich zu recht wenig Besserung. Das ist nat\u00fcrlich bedauerlich, wenngleich ich nicht beurteilen kann, woran es im Einzelnen liegt oder lag. Ich kann in diesem Fall nur f\u00fcr mich oder von mir sprechen.<br \/>\nNat\u00fcrlich kenne auch ich diese Tage, an denen man sich selbst und die ganze Welt nicht leiden mag. Tage, die man am liebsten im Bett verbringen w\u00fcrde, weil man sich ausmalt, welches Gesicht einem gleich im Badezimmerspiegel entgegenschaut. Tage, die schon fr\u00fchmorgens \u00e4lter erscheinen, als man selbst und solche, an denen eine geschlossene Wolkendecke so tief \u00fcber dem Gem\u00fct h\u00e4ngt, dass man sich darunter nur noch klein, schwach und absolut mutlos f\u00fchlt. An diesen Tagen brauche auch ich &#8211; nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben zumindest &#8211; unbedingt einen Therapeuten.<br \/>\nNun hat ja mittlerweile jeder seinen ganz pers\u00f6nlichen Spezialisten auf diesem Gebiet, der all die gr\u00f6\u00dferen und kleineren Problemchen kennt und an dessen Kompetenz man bedingungslos glaubt. Auch in dieser Hinsicht bin ich absolut keine Ausnahme.<br \/>\nAllerdings ist mein Therapeut ein bisschen anders als all die anderen, und eigentlich ist er komplett anders.<br \/>\nIn den Wintermonaten arbeitet er in der Regel kaum oder gar nicht, und so sehne ich ab Ende M\u00e4rz ungeduldig unsere ersten gemeinsamen Sitzungen herbei. Sobald es das Wetter zul\u00e4\u00dft, bin ich da. Ich brauche keinen Termin, mu\u00df keine Arzthelferin von der Dringlichkeit meines Falles \u00fcberzeugen, ich selbst bestimme die L\u00e4nge und Intensit\u00e4t der einzelnen Sitzungen. Mein Therapeut ist geduldig. Er \u00fcberl\u00e4\u00dft mir im wesentlichen, was wir machen und wie wir vorgehen, nur grobe Fehler, die entschuldigt er nicht. Schon daran kann man erkennen, dass es sich um eine ganz besondere Therapie handeln muss.<br \/>\nMein Therapeut ist mein Garten, und sein Behandlungsangebot ist wahrlich breit gef\u00e4chert.<br \/>\nGerade nach der langen Winterpause tut es gut, nicht nur den Rasen, sondern auch so manche festgefahrene Ansicht und Meinung zu vertikutieren. Das schafft Platz f\u00fcr neue \u00dcberlegungen und gibt Raum f\u00fcr frische Inspirationen.<br \/>\nUnd w\u00e4hrend ich das alte Laub und die verdorrten Zweige auf den Komposst werfe, denke ich, da\u00df das auch ein guter Platz f\u00fcr all den angesammelten \u00c4rger und Groll w\u00e4re, den ich immer noch mit mir herumtrage. Warum also nicht auch \u00c4rger und Groll kompostieren? Wer wei\u00df, ob sich daraus nicht doch nochmal etwas Gutes entwickeln kann?<br \/>\nIch zupfe das Unkraut aus den Beeten und bin mir dabei bewu\u00dft, da\u00df es genau wie meine vorschnellen Meinungen und Vorurteile immer und immer wieder neu in Schach gehalten werden muss. Im Beet nebenan grabe ich ein paar Sorgen unter, ich brauche sie nicht mehr, und an den Rosen schneide ich einige wilde Triebe ab, ebenso wie an meinen Gedanken.<br \/>\nBei ganz besonders fiesen Sch\u00e4dlingen, die mir das Leben extrem schwer machen, da schrecke ich auch nicht davor zur\u00fcck hin und wieder Gift zu spritzen. Es bleibt allerdings die Ausnahme. Denn eigentlich lerne ich bei meinen \u201eSitzungen\u201c immer wieder Geduld zu haben. Nichts reift wirklich auf die Schnelle. Manche Ideen keimen langsam, ehe sie konkrete Formen annehmen, und was man nicht kontinuierlich hegt und pflegt, kann einem schon mal kaputt gehen. Das gilt f\u00fcr Setzlinge im Garten ebenso wie f\u00fcr Freundschaften und Beziehungen. Auch gibt es immer wieder Pl\u00e4ne, die man erst ein paar Mal umsetzen muss, ehe sie sich am richtigen Platz dann endlich erf\u00fcllen. Erde muss aufgelockert werden, damit Neues wachsen kann, warum nicht auch die eigenen Zw\u00e4nge lockern und schauen, was passiert?<br \/>\nEs gibt so vieles zu entdecken, so viele kleine Wunder, versteckte Sch\u00f6nheiten, herrliche Farben und D\u00fcfte, soviel Leben, Ger\u00e4usche und \u00dcberraschungen, da\u00df ich am Ende mit der ganzen Pracht meines Gartens meine Seele d\u00fcngen kann.<br \/>\nMein gr\u00fcner Therapeut zeigt mir all diese Dinge, w\u00e4hrend ich im Schwei\u00dfe meines Angesichtes der scheinbar trivialen und stumpfsinnigen Gartenarbeit nachgehe. Das ist sein Geheimnis und sein Erfolgsrezept zugleich, und das alles kann ich haben, wann immer ich es m\u00f6chte oder brauche, denn mein gr\u00fcner Therapeut ist allzeit bereit. Ich muss nur vor meine Haust\u00fcr treten&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer heutzutage keinen Therapeuten hat, ist eigentlich nicht ganz normal. 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