{"id":150,"date":"2015-05-20T18:06:27","date_gmt":"2015-05-20T18:06:27","guid":{"rendered":"http:\/\/tastenblicke.de\/?p=150"},"modified":"2015-05-20T18:06:27","modified_gmt":"2015-05-20T18:06:27","slug":"spaeter-fruehling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tastenblicke.de\/?p=150","title":{"rendered":"Sp\u00e4ter Fr\u00fchling"},"content":{"rendered":"<p>Es ist Fr\u00fchling, und keiner soll sagen, da\u00df man das jenseits der Midlifegrenze nichts mehr merken w\u00fcrde. Nat\u00fcrlich \u00e4u\u00dfert sich das heute ein bi\u00dfchen anders als noch vor 30 Jahren, aber ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Fr\u00fchling ist auch jetzt nicht ungef\u00e4hlich, da tut sich was im reifen K\u00f6rper einer lebenserfahrenen Frau!<br \/>\nIn diesem Jahr war es besonders heftig, weil das indifferente farb- und temperaturlose Wetter so gar nicht enden wollte und sich in mir schon ein wahrer Fr\u00fchlingsgef\u00fchlsstau angesammelt hatte. Wohin nur mit all den rosaroten, beschwingten, s\u00fc\u00dfen und flirrenden Emotionen, wenn um einen herum alles nur fahl, bla\u00df, langweilig, grau, stumpf und \u00f6de ist?<br \/>\nSammeln, speichern, konservieren und auf bessere Zeiten warten, das war mein Motto seit Wochen. Aber jetzt, wo es endlich ein bi\u00dfchen w\u00e4rmer wird und die Sonne an Kraft und Ausdauer zulegt, wo es allenthalben gr\u00fcnt, bl\u00fcht und alle Pollen gleichzeitig die Luft schw\u00e4ngern, jetzt gibt es auch bei mir kein halten mehr. Ich wei\u00df gar nicht, wo ich anfangen soll, alles in mir treibt, knospt, kribbelt und \u201esehnsucht\u201c herum.<br \/>\nGleichzeitig m\u00f6chte ich Fenster putzen, Gardinen waschen, Schals, Handschuhe und Wollm\u00fctzen einmotten und den Strohhut an die Garderobe h\u00e4ngen. Graue Pullis gegen gestreifte Blusen tauschen, leichte Kleider satt dicker Hosen tragen und unbedingt jeden Tag eine andere bunte Brille aufsetzen. Ich m\u00f6chte Fahrrad fahren, im Auto die Scheiben unten lassen, Musik h\u00f6ren und an der Ampel flirten. Ich m\u00f6chte keine Str\u00fcmpfe tragen und mit frisch lackierten Fu\u00dfn\u00e4geln schicke Sandalen anprobieren, mit meiner Freundin im Stra\u00dfencafe sitzen und \u00fcber andere Leute l\u00e4stern, m\u00f6chte kistenweise bunte Blumen in meinen Garten setzen, meinen Zaun neu streichen, getupfte Bettw\u00e4sche aufziehen und dabei laut schnulzige alte Schlager singen.<br \/>\nIch m\u00f6chte eine Tasse Leichtsinn trinken, mir den Staub von der Seele sch\u00fctteln, riesige Luftschl\u00f6sser bauen, mit dem Springseil springen, mal wieder Roller fahren und Seifenblasen in der Sonne tanzen lassen.<br \/>\nJa, und dann m\u00f6chte ich Eis essen, alle Fenster aufmachen und zuschauen, wie der warme Wind meine Gardinen zu wei\u00dfen Segeln werden l\u00e4\u00dft, ich m\u00f6chte 25 verschiedene Sonnenbrillen aufprobieren und doch keine kaufen, m\u00f6chte spontan Freunde einladen und alte Schallplatten h\u00f6ren, meinen erstaunten Mann in der K\u00fcche verf\u00fchren, und vor allem m\u00f6chte ich eine neue Frisur.<br \/>\nIch m\u00f6chte auf meinen Gef\u00fchlswellen surfen, alles ein bi\u00dfchen entspannter sehen, in sch\u00f6nen Gedanken ein Vollbad nehmen und mir einen Spa\u00df daraus machen, wildfremden Menschen ein L\u00e4cheln zu schenken.<br \/>\nMeinem lieben Mann ist dererlei Gef\u00fchlscocktail ziemlich fremd und eine \u201ehappy hour\u201c davon, wie ich sie im Fr\u00fchling durchlebe, vielleicht sogar auch ein bi\u00dfchen unheimlich. Nun ist er von Natur aus diesbez\u00fcglich ohnehin etwas bescheidener ausgestattet. Er verk\u00f6rpert da eher den best\u00e4ndigen Fels in der Brandung, und der ist ja bekanntlich jahreszeitenunabh\u00e4ngig.<br \/>\nGestern morgen z.B., da habe ich ihm, er stand gerade so einladend am Waschbecken, einen wei\u00dfen Klecks Creme auf die Nasenspitze getupft und frei nach dem Motto \u201aPunkt, Punkt, Komma, Strich\u2019 gleich noch zwei weitere auf die Wangen und einen aufs Kinn. Ich fand, er sah damit ziemlich s\u00fc\u00fc\u00fc\u00fc\u00df aus, eigentlich unwiderstehlich.<br \/>\nMein Fels sah das offensichtlich etwas anders und war verst\u00f6rt. Er reagierte z\u00f6gerlich, man m\u00f6chte fast sagen ablehnend. Eine derartige Unterbrechung seiner Morgentoilette ist nicht vorgesehen und schon von daher als direkter Angriff auf seine Intimshp\u00e4re einzustufen. Er zog also die Augenbrauen hoch, schaute mich mit diesem mitleidig zweifelnden Blick an, den Ehem\u00e4nner immer dann aufsetzen, wenn ihnen die Situation suspekt vorkommt und knurrte etwas wie: \u201eBist du sicher, dass dir nichts fehlt?\u201c. Sprachs, verteilte die Creme mit spitzen Fingern im Gesicht und wandte sich dann demonstrativ den wirklich elementaren Dingen des Lebens zu, indem er sich mit der FAZ zu einer wichtigen \u201eSitzung\u201c zur\u00fcckzog.<br \/>\nVon solchen kleinen R\u00fcckschl\u00e4gen lasse ich mich nat\u00fcrlich nicht entmutigen, im Gegenteil, sie spornen mich f\u00f6rmlich an, und so schnappte ich mir schnell einen Lippenstift und schrieb schwungvoll und in roter Farbe das aktuelle Mittagsmenue auf den Garderobenspiegel.<br \/>\nTagesempfehlung heute:<br \/>\n\u201eErdbeermund k\u00fcsst Spargelspitzen\u201c&#8230;<br \/>\nAls mein Mann sp\u00e4ter auf dem Weg von seiner Sitzung zum Schreibtisch kopfsch\u00fcttelnd vor dem so verzierten Spiegel stehenblieb, erkl\u00e4rte ich ihm kurzer Hand: \u201eaber Schatz, das hast du dir doch immer gew\u00fcnscht!\u201c<br \/>\nUnd damit meine ich nat\u00fcrlich nicht nur das Essen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Fr\u00fchling, und keiner soll sagen, da\u00df man das jenseits der Midlifegrenze nichts mehr merken w\u00fcrde. 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