{"id":134,"date":"2015-03-22T17:12:09","date_gmt":"2015-03-22T17:12:09","guid":{"rendered":"http:\/\/tastenblicke.de\/?p=134"},"modified":"2015-03-22T17:12:09","modified_gmt":"2015-03-22T17:12:09","slug":"in-einem-buch-wohnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tastenblicke.de\/?p=134","title":{"rendered":"In einem Buch &#8222;wohnen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Manchmal m\u00f6chte ich in einem Buch wohnen. Das klingt ein bi\u00dfchen komisch, das gebe ich gerne zu, und das gilt ja auch nicht f\u00fcr Telefonb\u00fccher, Lexika oder Kochb\u00fccher und nat\u00fcrlich auch nur f\u00fcr einen verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kleinen Teil von mir, n\u00e4mlich f\u00fcr meinen Geist. Aber es gibt wirklich B\u00fccher, in denen w\u00fcrde ich gerne wohnen, wenigstens eine Zeit lang.<br \/>\nMan k\u00f6nnte auch sagen: Mein Kopf sucht ein Hotel.<br \/>\nNun wissen wir alle, da\u00df es die verschiedensten Hotels gibt, angefangen von der einfachen Privatpension bis zum Luxushotel mit f\u00fcnf Sternen ist eine gro\u00dfe Bandbreite. \u00c4hnlich ist es bei den B\u00fcchern. Man kann nicht sagen ich nehme nur diese oder jene. Es kommt immer auf die pers\u00f6nliche Situation, auf die eigene Erwartung und auf den individuellen Geschmack an.<br \/>\nIch z.B. mag B\u00fccher, in denen jemand Gedanken und Ansichten formuliert, wie ich sie selbst empfinde, aber nie so ausdr\u00fccken k\u00f6nnte. Wo Gef\u00fchle und Situationen beschrieben werden, denen ich nachsp\u00fcren kann oder solche, in denen es um Fragen und Probleme geht, die auch mich besch\u00e4ftigen. Wenn ich dann beim Lesen merke, da hat einer nur mit der Wahl der richtigen Worte und S\u00e4tze so etwas wie ein literarisches St\u00fcck Musik geschrieben, dann horcht mein Geist auf. Manche \u201eWortmelodien\u201c sind mitrei\u00dfend, andere wehm\u00fctig, wieder andere stimmen mich fr\u00f6hlich und manchmal sind welche dabei, die wecken eine Art Heimatgef\u00fchl in mir. Da ist etwas Vertrautes, ich f\u00fchle mich verstanden oder an etwas l\u00e4ngst Vergangenes erinnert. Oft ist es nur eine winzige Formulierung, und pl\u00f6tzlich ist sie wieder da, die Angst vor dem Nachbarshund, an dem ich auf meinem Schulweg immer vorbei mu\u00dfte, der typische Geruch nach Bohnerwachs bei meiner Gro\u00dfmutter im Treppenhaus oder das wohlige Gef\u00fchl, dass alles gut ist, wenn meine Eltern beim Sonntagsspaziergang Hand in Hand vor mir hergingen. Solche B\u00fccher k\u00f6nnen mich tr\u00f6sten, mich belehren, mir Mut machen, mir den Kopf zurechtsetzen, mich fr\u00f6hlich stimmen, mir eine andere Sicht auf die Dinge zeigen. Sie k\u00f6nnen auch mal meine Meinnug \u00e4ndern, aber nie w\u00fcrden sie mich blo\u00df stellen, nie verletzen oder mir weh tun. B\u00fccher k\u00f6nnen, wenn es die richtigen sind, eben manchmal ein St\u00fcck zu Hause sein, zumindest aber ein Ort der Geborgenheit.<br \/>\nGerade eben z.B. habe ich wieder ein wundersch\u00f6nes Buch zu Ende gelesen, und wie immer bei mir und einem solchen Buch geschieht das in einer ganz bestimmten Weise.<br \/>\nIch beginne vorsichtig und behutsam. Noch wei\u00df ich ja nicht wirklich, was mich erwartet, und so taste ich mich sachte Seite f\u00fcr Seite und Blatt f\u00fcr Blatt voran. Es ist wirklich, wie wenn man ein neues Hotel betritt und allm\u00e4hlich Raum f\u00fcr Raum erkundet.<br \/>\nGef\u00e4llt mir die Atmosph\u00e4re nicht, mache ich nicht weiter. Fr\u00fcher dachte ich immer, ich m\u00fc\u00dfte jedes angefangene Buch unbedingt zu Ende lesen, genau wie ich gelernt hatte immer meinen Teller abzuessen. Heute mache ich das nicht mehr. Wenn ich merke, da\u00df da etwas geschrieben steht, das mich nicht anspricht, mir nichts sagt oder mich langweilt, dann leg ich das Buch zur Seite.<br \/>\nEs muss deshalb nicht schlecht sein, aber es muss schon zusammen passen \u2013 das Buch und ich, also der Inhalt und der Leser.<br \/>\nWenn es aber passt und mir Thema oder Handlung gefallen, dann finde ich mich relativ schnell zurecht. Dann freue ich mich auf jede Auszeit, die ich mir nehmen kann, um weiter zu lesen und tiefer in die Materie einzutauchen. Mit manchen Charakteren kann ich mich identfizieren, mit anderen weniger, Probleme kommen mir bekannt vor, ihre L\u00f6sungen \u00fcberraschen mich manchmal, und oft finde ich zwischen all den Krisen, Katastrophen, und Konflikten auch noch ein kleines St\u00fcckchen heile Welt. So ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass ich etwa ab der Mitte eines (guten) Buches das Lesetempo deutlich drossele. Zu wohl f\u00fchle ich mich mittlerweile zwischen diesen beiden Buchdeckeln, als da\u00df ich sie schon verlassen m\u00f6chte, und so z\u00f6gere ich das Ende immer noch noch ein bi\u00dfchen hinaus.<br \/>\nDie Art, wie etwas beschrieben ist, kann so wunderbar sein, eine Handlung so fesselnd oder eine Beschreibung derart klar, als ob man direkt dabei w\u00e4re.<br \/>\nJa, mein Geist wohnt dann ein bi\u00dfchen in diesen Seiten, und manchmal habe ich das Gef\u00fchl, man findet in einem Buch leichter und schneller den Platz, den man im Leben oft so m\u00fchsam sucht. Kaum verwunderlich, dass man dort bleiben m\u00f6chte.<br \/>\nUnd so ist es, als ob man in dem sch\u00f6nen geistigen Hotel, in dem man sich gerade so gut eingelebt hat, gerne noch ein paar Tage verl\u00e4ngern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Aber wie im richtigen Leben gilt eben auch hier: nur Ver\u00e4nderungen bringen uns weiter.<br \/>\nIm besten Falle liegt die Nachfolgelekt\u00fcre ja schon bereit, und mein Kopf darf sich auf sein neues \u201eHotel\u201c freuen. Was es wohl dieses Mal sein wird?<br \/>\nDas gem\u00fctliche Landhaus, wo man die Seele baumeln lassen kann oder eher etwas aus dem gehobenen Segment f\u00fcr den anspruchsvollen Gast? Jede Kategorie hat ihren Reiz, und aus jeder kann man etwas mitnehmen &#8211; gelungene Formulierungen, fast vergessene Worte, einen ungew\u00f6hnlichen Gedanken, einen Satz, der mein Leben oder meinen Tag ver\u00e4ndert, eine provokante Frage, eine Anregung oder einfach nur ein angenehmens Gef\u00fchl.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Manchmal m\u00f6chte ich in einem Buch wohnen. Das klingt ein bi\u00dfchen komisch, das gebe ich gerne zu, und das gilt ja auch nicht f\u00fcr Telefonb\u00fccher, Lexika oder Kochb\u00fccher und nat\u00fcrlich auch nur f\u00fcr einen verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kleinen Teil von mir, n\u00e4mlich f\u00fcr meinen Geist. 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