{"id":131,"date":"2015-03-02T07:37:46","date_gmt":"2015-03-02T07:37:46","guid":{"rendered":"http:\/\/tastenblicke.de\/?p=131"},"modified":"2015-03-02T07:37:46","modified_gmt":"2015-03-02T07:37:46","slug":"tanzkreis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tastenblicke.de\/?p=131","title":{"rendered":"Tanzkreis"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<br \/>\nMan kennt das, irgendwann jenseits der F\u00fcnfzig kommt der Tag, an dem man sich dabei ertappt, Dinge zu tun, die man fr\u00fcher f\u00fcr derart reaktion\u00e4r und spie\u00dfig gehalten hat, da\u00df es einem schon peinlich war, wenn die eigenen Eltern damit zu tun hatten.<br \/>\nGanz allm\u00e4hlich und wie selbstverst\u00e4ndlich schleichen sich solche Gewohnheiten nun im eigenen fortgeschrittenen Dasein ein, und wenn man sich ihrer bewu\u00dft wird, ist es meist schon zu sp\u00e4t.<br \/>\nStichwort Tanzen.<br \/>\nIch kann mich noch gut erinnern, wie meine Eltern fr\u00fcher eine Zeit lang zur Tanzstunde gingen. Meine Mutter im braven hochgeschlossenen Tweedkleid mit Nylons an den Beinen und Pumps mit Pfennigabs\u00e4tzen an den F\u00fc\u00dfen. Mein Vater im gediegenen Zweireiher mit \u201aschwarze Rose Hemd\u2019 und dezent gestreifter Krawatte.<br \/>\nStattgefunden hat das Ganze im \u00f6rtlichen Gemeindesaal, in dem auch am Wochenende der Gottesdienst abgehalten wurde.<br \/>\nMan war angestrengt und konzentriert bei der Sache, die Nachbarn waren schlie\u00dflich ziemlich gut, und blamieren wollte man sich ja auf keinen Fall. Nach der Stunde gab es hin und wieder noch ein Schl\u00fcckchen Eckes Edelkirsch oder ein Gl\u00e4schen Cointreau, das hob die Stimmung und lockerte die Anspannung. H\u00e4tte man sich das gleich zu Beginn geg\u00f6nnt, w\u00e4re die ganze Stunde vermutlich etwas unverkrampfter \u00fcber die B\u00fchne gegangen. So aber stand der Ernst im Vordergrund, und alle Teilnehmer waren mit gr\u00f6\u00dftem Ehrgeiz bei der Sache. Um in der n\u00e4chsten Woche auch gut dazustehen, mu\u00dfte nat\u00fcrlich zwischenzeitlich ge\u00fcbt werden. Also wurde das Wohnzimmer umger\u00e4umt, Teppich zur Seite, Nierentisch raus, Stehlampe und Blumenhocker kamen in die Ecke, und der Plattenspieler wurde in Gang gesetzt. Zur Musik von Max Greger tanzten meine Eltern \u00fcbers heimische Parkett. \u201eTanzen f\u00fcr Jedermann\u201c hie\u00df die Platte, und eine sympathische Stimme gab die Schrittfolge an. Schon damals bot diese Form der zweisamen Bet\u00e4tigung gro\u00dfes Konfliktpotential. Meine Mutter fand die Schritte meines Vaters zu gro\u00df, er ihre zu klein, sie fand, da\u00df Herr Becker seine Frau viel charmanter f\u00fchrte, er meinte, sie lie\u00dfe sich ja gar nicht f\u00fchren, sie behauptete, er h\u00e4tte kein Taktgef\u00fchl und er war \u00fcberzeugt, da\u00df sie sowieso alles besser w\u00fc\u00dfte<br \/>\nW\u00e4hrenddessen hockte ich im Schlafanzug in unserem gro\u00dfen Ohrensessel und fragte mich, weshalb Erwachsene unbedingt tanzen wollen, wenn sie sich dabei sowieso nur streiten w\u00fcrden. Ziemlich unn\u00fctz fand ich das damals, zumal meine Eltern nie die Gelegenheit hatten (oder suchten) ihre Kenntnisse auch anzuwenden. Der einzige Vorteil f\u00fcr mich bestand darin, da\u00df ich an den \u201e\u00dcbungsabenden\u201c l\u00e4nger aufbleiben konnte, denn w\u00e4hrend der hitzigen ehelichen Diskussionen hatte man mich in der Regel v\u00f6llig vergessen, und nicht selten schlief ich irgendwann zwischen Tango und Foxtrott im gro\u00dfen Ohrenbackensessel ein.<br \/>\nHeute, gut vierzig Jahre sp\u00e4ter, holt mich die Geschichte irgendwie wieder ein. Nicht, da\u00df ich nun im Sessel einschlafe, das passiert zwar auch hin und wieder, nein, tanzen ist angesagt, und dieses Mal bin ich nicht belustigter Zuschauer, sondern aktiv mitten im Geschehen.<br \/>\nAus einer spontanen nicht ganz n\u00fcchternen Idee heraus haben wir uns zusammen mit ein paar Freunden vor Jahre entschlossen doch mal wieder einen Tanzkurs zu machen. Bei den meisten lag diese Erfahrung ja schon Jahrzehnte zur\u00fcck &#8211; also h\u00f6chste Zeit f\u00fcr eine Auffrischung. Gesagt, getan, und das Unheil nahm seinen Lauf. Seitdem sind nun fast sechs Jahre vergangen, in denen es zeitweise wirklich hart zur Sache ging. Das Konfliktpotential hat sich seit den Tanzstunden meiner Eltern kaum ge\u00e4ndert. Allerdings gab es bei uns bisher noch keinen Totschlag im Affekt, keine Scheidung, noch nicht mal eine Trennung, und so lange nichts derart vergleichbar Ernstes vorf\u00e4llt, absolvieren wir weiterhin in jedem Winter, wenn die Abende so sch\u00f6n gem\u00fctlich und lang sind, unsere Tanzstunden.<br \/>\nMontagabend im Februar 2014. Ein geruhsames Wochenende liegt hinter und eine fast jungfr\u00e4ulich unschuldige Woche vor uns. Von drau\u00dfen klatscht der Schneeregen an die Scheiben, aber drinnen ist\u2019s kuschelig und warm. Wir sitzen in der K\u00fcche, genie\u00dfen unser Abendbrot, w\u00e4hrend schon die Sehnsucht nach dem Sofa verhei\u00dfungsvoll durch den Raum wabbert. Alles ist gut &#8211; w\u00e4re da nicht die winterw\u00f6chentliche Tanzstunde, die diese Idylle m\u00e4chtig st\u00f6rt.<br \/>\nSeit gut f\u00fcnf Jahren machen wir das nun schon (mit), immer in der dunklen Jahreszeit und mit dem ehrgeizigen Ziel, K\u00f6rper und Geist nicht allzu tief im Winterschlaf versinken zu lassen. Im Prinzip eine gute Idee!<br \/>\nSeit gut f\u00fcnf Jahren aber versichert mir mein lieber Mann vor jeder Stunde, da\u00df er so gar keine Meinung dazu hat, sich wieder wie ein tapsiger Tanzb\u00e4r \u00fcbers Parkett zu bewegen, anstatt daheim gem\u00fctlich auf dem Sofa durch die verschiedenen TV-Programme zu steppen.<br \/>\nMindestens genauso lange versuche ich ihn Woche f\u00fcr Woche liebevoll und geduldig zu motivieren. Das ist nicht einfach, denn Montagabends nach dem Abendessen, wenn es drau\u00dfen schneit oder regnet und der Wind ungem\u00fctlich um die H\u00e4user streicht, hab auch ich recht wenig Lust meine gem\u00fctlichen Haussocken gegen dr\u00fcckende Pumps zu tauschen, Lippenstift und Parfum anzuwerfen, um bei der zu erwartenden Blamage wenigstens halbwegs gepflegt auszusehen.<br \/>\nF\u00fcnf Paare treffen sich zur besten Feierabendzeit in der nahe gelegenen Tanzschule. Man nennt solche sich regelm\u00e4\u00dfig treffenden Gruppen auch \u201eTanzkreis\u201c und jeder, der ein bi\u00dfchen weiter denkt, wei\u00df, da\u00df Tanzkreis so etwas wie Teufelskreis bedeutet, aus dem es bekannterma\u00dfen so gut wie kein Entrinnen gibt.<br \/>\nZu Beginn gibt man sich ja noch der naiven Illusion hin, da\u00df sich die Sache erledigt hat, sobald man die paar Grundschritte der g\u00e4ngigen Standardt\u00e4nze drauf hat. Dann, so die irrige Vorstellung, ist man der Star auf jedem Ball, tanzt auch die m\u00fcdeste Party munter und bewegt sich nahezu schwebend \u00fcbers Parkett, sobald auch nur die ersten Takte ert\u00f6nen. Ganz so ist es nicht. Denn Tanzen ist Sport und zwar in erster Linie Denksport!<br \/>\nWie sonst ist es zu erkl\u00e4ren, da\u00df man sich als halbwegs intelligenter Mensch Woche f\u00fcr Woche dieselben Schrittfolgen neu erarbeiten mu\u00df, da\u00df man Woche f\u00fcr Woche das Gef\u00fchl nicht los wird in der ersten Stunde zu sein und etwas vollkommen Neues zu h\u00f6ren.<br \/>\nMal f\u00e4ngt der Herr mit links, die Dame mit rechts an, mal fangen beide mit dem gleichen Fu\u00df an, und oft genug k\u00f6nnen wir mit unseren F\u00fc\u00dfen so rein gar nichts anfangen. Es ist, als ob man eine neue Sprache lernt und jedes Mal kommen neue Ausdr\u00fccke dazu. Da gibt es offene oder geschlossene Promenaden, Flechten, Brezeln, Kreisel, au\u00dfenseitige Kehren und hinterh\u00e4ltige Wechsel, rechts und links Drehungen, Wiegeschritte und W\u00fcrgegriffe.<br \/>\nHat man die Schritte halbwegs begriffen, kommt noch erschwerend die Musik hinzu. Beides vern\u00fcnftig zu koordinieren ist wahrlich nicht leicht. Da kann einem der sch\u00f6nste Walzer zum akustischen Feind werden, und die eigentlich beschaulich dahinfie\u00dfende Moldau mutiert zu einem rei\u00dfenden Strom, der alles niederrei\u00dft, blo\u00df weil wir mit unseren F\u00fc\u00dfen im wahrsten Sinne des Wortes \u201anicht Schritt halten k\u00f6nnen\u2019.<br \/>\nAnders als meine Eltern damals verzichten wir auf \u00dcbungsstunden im heimischen Wohnzimmer, allerdings sind wir auch unverfroren genug unser t\u00e4nzerisches K\u00f6nnen ab und zu einer breiteren \u00d6ffentlichkeit vorzustellen. So geschehen, als wir vor geraumer Zeit einen Ball &#8211; Gott sei Dank fern ab der Heimat &#8211; besuchten. Ein wunderbares Orchester spielte dort zum Tanz und es spielte u.a. auch einen Tango. Unser Favorit unter den erlernten T\u00e4nzen, taktm\u00e4\u00dfig klar zu erkennen und von der Schrittfolge auch halbwegs einpr\u00e4gsam. Dame links, Herr rechts, laaaang,laaaang, Wie-ge-schritt, r\u00fcck-seit- Schlu\u00df usw.<br \/>\nW\u00e4hrend also fast alle anderen Paare gleich nach den ersten Takten fluchtartig die Tanzfl\u00e4che verlie\u00dfen, Tango geh\u00f6rt f\u00fcr die meisten wohl eher nicht zu den Lieblingsrhythmen, st\u00fcrzten wir uns wagemutig ins Geschehen und hatten die darauf folgende Blamage dann auch ganz f\u00fcr uns allein. Irgendwie klappte n\u00e4mlich gar nichts. Die Schrittfolgen, so wir sie \u00fcberhaupt erinnerten, gerieten uns total durcheinander, Dame passte nicht zu Herr, und die Musik nahm nat\u00fcrlich keinerlei R\u00fccksicht darauf. Was uns bisher klar und tanzbar erschien, endete hier vor gro\u00dfem Publikum in einem ziemlichen Desaster. Da halfen weder Ballkleid noch Smoking, nicht high-heel noch Lackschuh &#8211; im Gegenteil!<br \/>\nMan m\u00f6chte solche Erfahrungen nicht allzu oft machen, und so kehrten wir nach diesem Erlebnis ziemlich demoralisiert wieder mal zur unserer gef\u00fchlten soundsovielten ersten Tanzstunde zur\u00fcck.<br \/>\nAlles nochmal von vorne und der geduldige Tanzlehrer wird nicht m\u00fcde, uns die Schritte wieder und wieder vorzubeten. Nat\u00fcrlich verdient er an unserer Begriffstutzigkeit, aber er ist taktvoll genug, sich dar\u00fcber nur im Geheimen zu freuen.<br \/>\nZum Ende des Winters sind wir dann in der Regel alle soweit, da\u00df wir mit sanfter Unterst\u00fctzung unseres Tanzlehrers die Grundschritte, und an guten Tagen auch noch die eine oder andere komplizierte Figur, nachtanzen k\u00f6nnen. \u201eBetreutes Tanzen\u201c hei\u00dft der im Schwei\u00dfe vieler mont\u00e4glicher Tanzstunden nun erreichte Level. Den \u00fcber die Sommermonate zu halten ist nicht einfach und der Entschlu\u00df im kommenden Herbst wieder neu einzusteigen auch nicht. Aber, so stellt der clevere Teilnehmer fest: Tanzkreis ist zwar ein bi\u00dfchen Teufelskreis, aber \u201ebetreutes Tanzen\u201c ist immer noch bessser als \u201ebetreutes Wohnen\u201c und bis wir soweit sind, k\u00f6nnen wir hoffentlich noch die eine oder andere Sohle aufs Parkett legen &#8211; vielleicht irgendwann auch mal ganz ohne Tanzlehrer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Man kennt das, irgendwann jenseits der F\u00fcnfzig kommt der Tag, an dem man sich dabei ertappt, Dinge zu tun, die man fr\u00fcher f\u00fcr derart reaktion\u00e4r und spie\u00dfig gehalten hat, da\u00df es einem schon peinlich war, wenn die eigenen Eltern damit zu tun hatten. 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